Preview Augustausgabe: “Menschen von nebenan”

92 ist sie und nahezu täglich unterwegs auf ihrer Lieblingsstrecke, dem Gardelegener Wall. Erst seit April nutzt sie einen Rollator als Hilfsmittel. Ihre Spaziergang-Routine beginnt an ihrem Wohnort der Seniorenresidenz. Seit 11 Jahren wohnt sie hier.

Wenn Anna Riewe von früher erzählt, beweist sie ein erstaunliches Gedächtnis. Die Tagesdaten von persönlichen Meilensteinen ihres Lebens, die Geburtstage ihrer neun Kinder und Familienangehörigen hat sie im Kopf. Detailliert erinnert sie sich an ihre Kindheit in Polen, die Zeit als junge Magd auf dem Gutshof, die Umstände ihrer Flucht aus Breslau, die späteren Arbeitsstellen in Zwickau und das Alltagsleben im neuen Lebensmittelpunkt Hemstedt.

Hier lebte sie mit ihrem Mann Heinz. Im LPG-Stall versorgte sie Kälber und Rinder, zu Hause Schweine, Enten, Hühner, Kühe – und die neun Kinder. Eines, Andreas, verstarb mit 10 Jahren nach einer Herzoperation. Sie war Vollzeitmutter, Ehefrau und Berufstätige. Die Wäsche wusch sie von Hand und kochte auf einem mit Holz beheizten gusseisernen Herd. Im Urlaub war sie nie.

“Wir waren immer auf den Beinen. Aber wir hatten auch Spaß und feierten viele Feste” erzählte sie, “tanzen war meine Welt.” Ihr Mann liebte es auch. Gemeinsam besuchten sie Dorffeste, Veranstaltungen im Schützenhaus oder den Familientanz im Volkshaus. Ihr Heinz mochte Lackschuhe sehr. “Aber er gönnte sich wenig”, erinnerte sie sich. Statt der Lackschuhe könne man drei Paar Schuhe für die Kinder kaufen, hatte er immer gemeint. Er ging ihr immer viel zur Hand. Sie sah sich in ihrer Ehe als gleichberechtigt.

Seit 1988 ist Anna Riewe Rentnerin. Zwei Jahre später verstarb ihr Mann, der mit “Leib und Seele” viele Jahre seinen Tanklastwagen gefahren hatte. “Er kippte einfach vom Stuhl”, blickte sie nachdenklich zurück.

“Man wurde manchmal etwas schwermütig”, antwortete sie auf die Frage, wie sie die strikte Corona-Kontaktsperre-Zeit erlebte. Jedoch verharrt sie nicht in diesem Gefühlszustand. Vielleicht erlaubte sie ihn sich einfach nicht. Krisen geht sie pragmatisch an, ohne viel Mimimi. Ja, das Zusammenkommen mit den Bekannten aus der Volkssolidarität fehlte, der Sport und auch die Kaffeerunde. Aber die Bewegung, das Spazierengehen an der frischen Luft, hätte ihr gut getan, berichtete sie.

Der detaillierte Blick in das Leben der 92-jährigen Anna Riewe aus Gardelegen – nachzulesen in der kommenden Stadtspiegel Augustausgabe unter “Menschen von nebenan”.